nachdem in den letzen Tagen vermehrt über den “Skandal” an der Polizeihundeschule berichtet wurde, stellte sich heraus, das es sich bei den Vorfällen scheinbar doch nicht um “Misshandlungen”, sondern um einen “Abschlussscherz” gehandelt habe. Der Großteil der Befragten Absolventinnen (15 von 16) gab an, dass sie niemals zu irgendwelchen Handlungen gezwungen wurden. Vielmehr bezeichneten sie die Vorgänge eher als eine “Mordsgaudi”.
Zum Ritual
Die “Erstlingshundeführertaufe” nach Lehrgangsende
Der Prüfling spielt am Ende des mehrwöchigen Lehrgangs noch mal einige Szenen aus dem Lehrgang nach, mit der Besonderheit, das er in diesem Fall selbst die Rolle seines Hundes übernimmt. Damit das ganze auch richtig schön real wirkt wird ihm unterstützend ein Hundegeschirr angelegt. Unter dem Spott der anderen muss er dann bestimmte Aufgaben erledigen. Schlussendlich wird die ganze Prozedur, wie soll es auch anders sein, mit einer Biertaufe beendet.
Naja…wenn ich ehrlich bin finde ich die ganze Geschichte auch nicht so dramatisch. Wer schon mal einen Jungesellenabschied mitgemacht hat weiß das es einen auch noch um einiges härter treffen kann. Die Frage ist, warum tritt der Fall erst jetzt in die Öffentlichkeit ? Dazu kann sich jeder ja selbst eine Meinung bilden. Wo ich aber eigentlich drauf hinaus wollte ist das es in anderen Berufszweigen auch Rituale gibt. Diese Rituale sind schon seit ewigen Zeiten existent und blicken auf eine mehrere hundert Jahre alte Geschichte zurück.
In diesem Fall spreche ich von dem Guten alten Brauch des Gautschens. Na klar, das Gautschen. Was auch sonst…
Eine alte Beschreibung aus dem 17. Jahrhundert definiert das Gautschen wie folgt:
„Wolan es muß das groben Schwein/Mit sonderm Fleiß behobelt seyn/ Knecht/ Hilff mir lustig machen.“ Und nachdem bereits einiger Schabernack getrieben worden war: „Nun ist er heraus der böse Zahn/ Gib die Pommad’ her mein Compan/ Den Bart ihn anzustreichen: Auf daß dem schönen Jungfern-Knecht Ein jeder mög’ ansehen recht/ Die Hund’ ihn auch beseichen.“
“Die Hund’ ihn auch beseichen”, ganz ehrlich, da haben die Hundeführer-/innen doch noch Schwein gehabt…
Das Gautschen läuft nach einem festgelegten Plan ab. 5 Positionen sind zu besetzen. Der Gäutschling auch “Kornut” genannt, der Gautschmeister, erster und zweiter Packer sowie der Schwammhalter. Mir ist aus gut unterrichteter Quelle folgender Ablauf bekannt.
1. Die Taktik
Wenn du morgens in die Firma kommst und mitkriegst das gegautscht wird und du selbst auf der Liste stehst, sie zu das du deine Schicht rumkriegst und die Beine in die Hand nimmst. Lass dich beim Verlassen der Firma von niemand sehen.
2. Das Gautschen
Sollte widererwarten der erste Punkt fehlgeschlagen sein (ich denke das wird wohl in 98-99% der Fälle so sein) hörst du den Frohlockenden Ruf des Gautschmeisters „Packt an!“. Danach machst du die Bekanntschaft mit deinen beiden erste “Mitspielern”, den Packern. Sie erwischen dich bestimmt, denn das Spielfeld beschränkt sich nicht nur auf das Firmengelände. Ich habe schon von Vorfällen gehört in denen der Gäutschling mitten in der Innenstadt gepackt worden ist. Nun den, du hast die mit deinen beiden neuen Begleitern (den Packern) angefreundet und sie begleiten dich nun zu deinem neuen Domizil. Der Wanne. In dieser wird der Gäutschling von oben herab mit Wasser begossen. Dies ist dann der Job des Schwammhalters. Sich zur Wehr setzen wird hierbei nicht als ein Zeichen überschäumenden Mutes gewertet, ferner gibt man dem Schwammhalter nur noch mehr Ansporn, welcher sowieso schon das “Gib mir nur einen Grund” Funkeln in den Augen hat. Gelegentlich wird das Gautschen als symbolische Maßnahme betrachtet, um die schlechten Gewohnheiten aus der Lehrzeit abzuwaschen.
3. Der Gautschbrief
Das ganze hat wenigsten etwas Positives, man erhält abschließend den Gautschbrief. Mit diesem Dokument wird man dann in den Kreis der Gegautschtend aufgenommen.
Während des Gautschens hält der Schwammhalter eine Ansprache an den Jünger und das umstehende Publikum. „PAKKT AN! LASST SEINEN CORPUS POSTERIORUM FALLEN AUF DIESEN NASSEN SCHWAMM / BIS TRIEFEN BEIDE BALLEN. DER DURSTGEN SEELE GEBT EIN STURTZBAD OBEN-DRAUFF / DAS IST DEM SOHNE GUTENBERGS DIE BESTE TAUFF“
Dazu der Text eines Gautschbriefes der VEB Graphischen Kunstanstalten in Leipzig vom 28. Juni 1952. „Von Gutenbergs Gnaden thun wir Jünger Gutenbergs zu Leipzig jedem unserer Kunstgenossen kund und zu wissen / dass der Jünger der wohledlen Buchdruckerkunst Eckert, Paul nach altem Brauch und Herkommen heut mit Zuziehung der Gesellen untbenamster Offizin die Wassertauf ad posteriora erhalten hat und damit in sämtliche uns von dem Kaiser Friedrich III. verliehenene Rechte und Privilegien eingeführet ist. Kraft derselben gebieten wir allen unseren Kunstgenossen obenbenamsten Jünger Gutenbergs als ehrbaren Schwartzkünstler und rechtmäßigen Gesellen anzuerkennen.“
In einem anderen Gautschbrief aus Bern um 1900 heißt es: „Den alten Kunstgebrauch zu ehren, Thät er sich weder sträuben noch wehren. Erhielt die üblichen drei Stöße auf den Arsch. Und zappelte dabei wie ein Barsch. Darauf bezahlte er blank und bar Das altbekannte Gautschhonorar.“
Mein Fazit
Ich persönlich denke das Bräuche und Rituale ihren festen Platz in der Gesellschaft haben und das dies auch gut so ist. In den meisten Fällen sind sie kein wirklicher Spaß für den, an dem der Brauch verübt wird. Aber das soll ja auch nicht so sein. In einem anderen Jahr steht man dann selbst im Kreise der Zuschauer oder darf vielleicht sogar “Schwammhalter” oder “Packer” werden. Wenn sich das ganze in einem würdigen Rahmen abspielt ist meiner Meinung nach nichts auszusetzen.
Ach ja, heute werden neben Druckern auch Mediengestalter für Digital- und Printmedien gegautscht, auch wenn sie nicht mehr mit Druckerschwärze in Berührung kommen. Falls Interesse besteht könnte dies vielleicht hilfreich sein…
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